Jakobus "wirkt"
Erinnerungsgeschichten
„Der Jakobustag ist ja in diesem Jahr ein Samstag“, stellten wir Anfang Juli fest und nahmen uns vor,
ihn an seinem Namenstag zu besuchen. Natürlich in St. Jakob am Anger, neben dem Kloster
der Armen Schulschwestern, wo wir Jakob zum ersten Mal begegnet waren. Durch Zufall.
Oft schon waren wir über den Jakobsplatz geschlendert, aber erst an diesem Tag hatten wir
die Muschel an der Kirche bemerkt und gingen neugierig hinein. Und Jakobus zog uns sofort in seinen Bann.
Ohne, dass wir es bemerkten, nahm er uns behutsam an die Hand. Zuerst in Gestalt von Schwester Edeltraud.
Sie erzählte uns, dass das alte Kloster früher eine Herberge auf dem Jakobsweg war und zeigte uns
auf einer historischen Karte die Wege nach Santiago de Compostela. München war zur Zeit der ersten
Pilger nur eine kleine Siedlung „zu den Mönchen“. Am Anger, außerhalb der späteren Stadtmauern,
stand eine kleine Kapelle des „Hl. Jacobus in prato“, auf einer Wiese, die der Überlieferung nach als
Rastplatz auf dem Weg nach Santiago de Compostela diente. Vor allem die Pilger aus Zentral- und Osteuropa
sammelten hier neue Kräfte für den weiten Weg, der noch vor ihnen lag.
Die Franziskanermönche, die im 13. Jh. nach München kamen, betreuten auch die hier rastenden Jakobspilger.
Und nach den vielen Wirren der Zeit überließ König Ludwig im 19. Jh. den Anger den Armen Schulschwestern.
Sie erinnerten sich an den früheren Pilgerrastplatz und ließen einen alten Brauch wieder aufleben:
Seit 1989 werden hier wieder Jakobspilger ausgesandt und erhalten neben dem Segen symbolisch Muschel,
Stab und Rucksack, dazu einen Geleitbrief für die Stempel auf dem Weg.
Auch wir begannen unsere Pilgerreise von München nach Santiago mit der Aussendung in der
St. Jakobskirche. Vor nunmehr über 20 Jahren. Wir konnten nicht ahnen, wie lange uns dieser
Weg beschäftigen würde. Und er hat uns seither nie mehr ganz losgelassen.
Jakobus, unser Pilgerpatron, ist uns immer mehr ans Herz gewachsen. Er ist der Heilige,
den wir bei Problemen um Hilfe bitten, und bei dem wir uns für alle guten Erlebnisse und
Erfahrungen bedanken. An seinem Namenstag machten wir uns am späten Nachmittag auf den Weg.
Unterwegs fiel uns ein, dass wir ihm zu seinem Ehrentag eine Blume mitbringen könnten.
Am Blumenstand des Marienplatzes bekamen wir gerade noch eine üppige rote Rose und
schlenderten weiter zur Kirche am Jakobsplatz. Am linken Seitenaltar steht seine gotische
Statue und wir waren neugierig, welches schöne Blumenbukett ihm die Schwestern diesmal dort arrangiert haben.
Wir öffneten die Tür – stutzten völlig überrascht: Die vorderen Bänke waren alle von den Schwestern des Angerklosters besetzt – war schon Zeit fürs Abendgebet? Wir traten ein – die Orgel setzte wuchtig ein, spielte das Jakobslied: „Heil’ger Jakobus, wir rufen heut‘ an deinen Namen“…, nanu? Die Mesnerin schwenkte den Weihrauchkessel, ein weißhaariger Jesuitenpfarrer eröffnete die Festmesse. Um diese Zeit ist doch sonst nie eine Messe, war das eine Überraschung von Jakobus für uns? Wir eilten nach vorne zu seinem Altar, ein großer Blumenstrauß zierte ihn, steckten unsere Rose dazu, suchten uns einen Platz in einer Bank hinter den Schwestern, um die Messe mitzufeiern.
Wie alle Jesuiten kann der Pfarrer gut predigen und beeindruckte uns durch seine Gedanken zum Tagesevangelium, das von der Mutter von Johannes und Jakobus handelt, die von Jesus erbat, dass ihre Söhne in seinem Reich neben ihm sitzen dürfen. Und der Jesuit setzte sich mit der Erklärung von Jesus dazu auseinander. Waren es die Worte des Pfarrers oder der festliche und zugleich besinnliche Fortgang der Messe, der mich in diese eigenartige Stimmung versetzte? Ich spürte, wie sich eine tiefe Ruhe in mir ausbreitete, wie ich sie selten empfinde und war plötzlich im Geiste wieder unterwegs auf dem Jakobsweg: zuerst in der Kirche in Roncesvalles, die schon auf der Pilgerwanderung ein intensives Glücksgefühl in mir ausgelöst hatte: Kirchen, die man nach langem Gehen zu Fuß betritt, üben eine seltsame Wirkung aus, die man kaum erreicht, wenn man aus einem Auto aussteigt und eine Kirche besucht. Die Gedanken erreichen eine seltene Klarheit und man glaubt vieles zu verstehen, was sonst unbegreiflich erscheint. Heute pilgerten sie einfach weiter in die einsame Meseta zwischen Burgos und Leon, ich fühlte mich wie unterwegs und die Gefühle von damals waren wieder präsent. Was für ein wunderliches, kostbares Erlebnis.
Ich musste mich aufraffen, wieder in die Messe zurückzufinden. Als ich später mit Reinhold darüber redete, erzählte er mir, dass er Ähnliches erlebt hat – nur mit Menschen: Er sah Abt Odilo und Frater Lambert vor sich und war ihnen ganz nah. Es scheint also doch Dinge zwischen Himmel und Erde zu geben, die wir nicht begreifen können, nur empfinden und die uns doch Impulse für unser Leben schenken.
Am Ende der Messe entdeckten und begrüßten wir die uns vertrauten Schwestern des Angerklosters, die auch die Pilger betreuen. In fast euphorischer Stimmung verließen wir die Kirche, begaben uns zum Andechser am Dom, um etwas zu essen. Der Nebentisch war von jungen Männern besetzt, als spanische Mädels vorbeigingen und mit ihnen flirteten, konnten wir die Lautstärke am Tisch fast nicht aushalten. Aha, es waren alles Spanier, und wir fühlten uns fast wie in den Orten am spanischen Jakobsweg. Was für ein wunderbares und überraschendes Erlebnis an diesem herrlichen Sommertag. Wieder einmal hat es uns den Weg nach innen ein Stück erweitert und uns freier gemacht.