1. Teil: Von München nach Le Puy

Fasziniert starrten wir auf die Stadt vor uns:

Spitze Hügel aus schwarzem Vulkangestein ragten bizarr aus den Dächern der Altstadt heraus, seltsam und unwirklich anmutend. Noch seltsamer wirken die Spitzen der Hügel, auf denen riesige Heiligenfiguren oder auch Kirchen und Kapellen prangen. Nah beieinander liegen hier Kunst und Kitsch. Merkwürdig berührt standen wir lange still und schauten auf das mittelalterliche Städtchen Le Puy.

Hier also würden wir eintauchen in die Via podiensis, eine der vier alten Pilgerstraßen, die sich durch Frankreich zu den Pyrenäen ziehen. Wir hatten sie gewählt, weil sie direkt an der von uns gewählten Ost-West-Linie München - Santiago - liegt und auch, weil sie eine der interessantesten sein soll, allerdings auch die anstrengendste. Trotzdem sind auf ihr im Laufe der Jahrhunderte unzählige Pilger gewandert, Gelehrte, Fürsten und Könige, sogar Karl der Große, der Sage nach der erste Pilger am Grab des Apostels in Santiago, soll diesen Weg benutzt haben.

Was hatten wir über die Entstehung des Pilgerweges gelesen?

Er entstand zur Zeit Karls des Großen aufgrund einer Legende. Historisch ist, dass Jakobus zusammen mit seinem Bruder Johannes ein Jünger Jesu war und in Spanien missioniert hat. Sein Bemühen war nicht sehr erfolgreich und er kehrte nach Jerusalem zurück. Dort ließ ihn im Jahre 44 Herodes enthaupten. Er wurde zum ersten Märtyrer des Christentums. Die Legende erzählt weiter, dass man den Leichnam heimlich mit dem Schiff wieder nach Spanien brachte und das Grab in Vergessenheit geriet. Erst im 9. Jahrhundert, als Spanien von den Mauren besetzt war, wurde wie durch ein Wunder das Grab wiederentdeckt. Jakobus wurde zur Symbolfigur für die Zurückeroberung Spaniens in das christliche Abendland.

In den folgenden Jahrhunderten machte sich halb Europa auf den "Sternenweg". Santiago wurde zu einem Zentrum christlicher Kultur, der Jakobsweg zum ersten gemeinsamen Erlebnis des Abendlandes. Er entwickelte sich zur ersten europäischen Kulturstraße. Der Strom der Pilger ist seit damals nie ganz abgerissen.

Die Gründe für die Pilgerwanderungen im Mittelalter waren vielfältiger Natur:

Die reichere Oberschicht ließ an ihrer Stelle bezahlte Pilger die Wallfahrt antreten und in manchen Ländern wurden Gewaltverbrecher dazu verurteilt, als Bußleistung nach Santiago zu pilgern.

Es gibt auch heute noch viele Anlässe, nach Santiago zu wandern. Im Pilgerbüro in Santiago werden 3 Gründe abgefragt: Religiöse, spirituelle oder sportliche. Das dürften heute die Hauptmotive sein.

Auch für uns waren mehrere Gründe ausschlaggebend. Besonders brachte uns die Neugier auf den Weg, die Sehnsucht danach, unserer europäischen Geschichte und der Kultur dieses alten Pilgerweges näher zu kommen und sich ganz nebenbei ein großes Stück Europa zu Fuß zu erschließen. Daneben natürlich ein wenig Abenteuerlust, gepaart mit einer großen Wanderlust, um in der freien Natur Flora und Landschaft zu genießen und dabei "mit der Zeit zu gehen", anstatt ihr hinterherzulaufen.

Uns war von Anfang an klar, dass der Startpunkt unseres Jakobsweges nur München sein konnte. Wie die Pilger des Mittelalters wollten wir von zu Hause aus weggehen und damit eine Verbindung schaffen von unserem Alltagsleben zu dem, was uns dieser Weg an Begegnungen, Erlebnissen und Eindrücken schenken würde. Wir wussten zwar, dass er mit fast 3000 km sehr lang sein würde, was dies bedeutete, war uns zu diesem Zeitpunkt aber nicht bewusst. Stand anfangs mehr das Wandern im Vordergrund, so wandelte sich diese Einstellung mit jedem Schritt und mit jedem Erlebnis, mit dem wir uns dem Ziel Santiago de Compostela näherten.

Startphoto Marienplatz

Unser Startpunkt für den Camino war die Jakobskirche am Jakobsplatz mitten in München, dessen dazugehöriges Kloster früher einmal eine Herberge am Jakobsweg war. Zunächst an der Isar entlang führte uns der König-Ludwig-Weg über Kloster Schäftlarn, Andechs, Wessobrunn und die Wieskirche nach Füssen.

Neben der hübschen Hügellandschaft des Voralpenlandes begeisterten wir uns vor allem an den herrlichen Barockkirchen Oberbayerns, denen die einheimischen Künstler ihren unvergleichlichen Stempel aufgedrückt hatten, wie z.B die Brüder Zimmermann aus Wessobrunn der Wieskirche. Außerdem fiel uns erstmals auf, dass jeweils eine Tagesetappe voneinander entfernt an den schönsten Flecken ein Kloster steht. Das konnte kein Zufall sein!

Über die Tannheimer Berge und Allgäuer Alpen wanderten wir weiter nach Lech und auf uralten Walserwegen nach Klosters, Davos und Lenzerheide.

Die Walser gehörten mit zu den ersten Siedlern, die die Alpen zu der Kulturlandschaft machten, die sie heute ist. Sie gehörten zu einem Stamm der Alemannen, der im 11. u. 12. Jahrhundert von Norden her in die Schweiz zog. Da die gut bebaubaren Flächen von alteingesessenen Bewohnern längst besetzt waren, ließen sie sich auf hohen und höchsten Plätzen nieder. Bis dahin hatte man es nicht für möglich gehalten, das ganze Jahr über in Höhen von über 1500 m zu leben. Die Walser bewiesen es: Sie rodeten Wälder, legten Äcker an und züchteten Vieh. Ihre gemeinsame Sprache ist Deutsch, vom Tessin über die Schweiz bis nach Österreich. Sie leben in den zentralen Alpen - über 300 Kilometer verstreut - in rund 150 Siedlungen.

Bis ins Rheintal hinunter folgten wir den Spuren der Walser und ließen es uns danach nicht nehmen, einen tiefen Blick in die schauerlich-schöne Schlucht der Via mala - "böser Weg"- zu werfen. Als erste Passanten bezwangen die Römer im Jahre 395 die enge Klamm, dessen tief in den Fels genagte Gletschermühlen die Kraft des Wassers ahnen lassen, das diese Urlandschaft über Jahrtausende geformt hat.

Das Rhein- und anschließende Rohnetal gaben die ideale Ost-West-Wanderverbindung für uns vor. Sie bilden einen großen Längsgraben, der- nur von Oberalp- und Furkapass unterbrochen - im Süden der Schweiz die Alpenkette der Länge nach teilt. Über dem Tal des jungen Vorderrhein wanderten wir auf aussichtsreichen Wegen in etwa 5 Tagen bis zum Oberalppass. Wir folgen dabei der "Senda Sursilvana", was "Großer Wald" bedeutet.

Die Rheinquelle

Am Oberalppass konnten wir nicht widerstehen, einen kleinen Aufstieg zu wagen hinauf zum herzförmigen Tomasee, der Quelle des Rheins, der von hier bis zur Nordsee eine Strecke von 1320 km überwindet. Es wurde uns bewusst, dass es bis nach Santiago doppelt so weit ist. Das brachte uns schnell auf unseren "Normalweg" zurück, am Rhonegletscher vorbei ins Wallis.

Bereits in Raron bei Sierre vergaßen wir unsere Vorsätze wieder und freuten uns, als wir auf dem Friedhof das Grab des Dichters Rainer Maria Rilke entdeckten. Ein schönes Plätzchen hat er sich da ausgesucht. Seine Grabinschrift allerdings gab uns Rätsel auf:

    Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
    Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.
Rainer Maria Rilke Rilkes Grabkreuz Rilkes Grab in Raron

Auf unserem langen Weg nach Santiago würden wir sicher noch oft über darüber nachdenken.

In Martigny wählten wir nicht den Talweg über den Genfersee, denn wir wollten ganz nah an unserem Traumberg, dem höchsten Berg Europas "Mont Blanc" vorbeiwandern.

Der Mt.Blanc von Ferret aus gesehen

Wir benutzten dazu ein Teilstück der Tour Mont Blanc, vom Schweizerischen Val Ferret ins italienische Courmayeur. Anschließend nahm uns die Atmosphäre der "Strada Romana" über den Kleinen St. Bernhard-Pass gefangen. Zahlreiche Überreste, manche rätselhaft und geheimnisvoll, zeugen davon, dass der Pass im Laufe der Zeit immer wieder von Reisenden überquert wurde. Wir bildeten uns ein, etwas vom Geist der Menschen zu spüren, die schon seit fast 2000 Jahren über diese alten Pflastersteine wanderten. Über das Tal der Isere und schließlich über Grenoble erreichten wir das Massif Central. Hier war unser individueller Wanderweg über die Berge zu Ende.

Kleiner St.Bernhardpass Der Pass St.Madelaine See oberhalb von Grenoble in den Seealpen