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Santiago -

... im Schnelldurchgang?

Über 15 Jahre ist es nun her, dass wir zum ersten Mal überglücklich in Santiago de Compostela angekommen sind. In 120 Wandertagen von München aus hatten wir uns ganz allmählich von Wanderern zu Pilgern gewandelt und der Weg hat uns seither nie mehr losgelassen.

Inzwischen waren wir oft auf den verschiedensten Wegen unterwegs, haben uns viel mit der Geschichte und Kultur des Jakobswegs beschäftigt. Und gerne unzählige Anfragen dazu beantwortet.

Interessanterweise häufen sich in letzter Zeit Anfragen wie diese:

  • „Ich möchte unbedingt den Jakobsweg gehen, habe aber nur 10 Tage Zeit, und will vor allem in Santiago ankommen. Wohin muss ich fliegen oder fahren, wo starte ich am besten, um mein Ziel möglichst schnell zu erreichen?“

Jede dieser Mail-Anfragen erzeugt bei mir ein flaues Gefühl im Magen – soll ich einfach nur die Frage beantworten, obwohl ich zu wissen glaube, was diesen Pilgern alles entgeht?
Und natürlich ist es jedem selbst überlassen, wie er oder sie den Weg geht und wieviel Zeit er sich dafür nimmt – jeder soll ja „seinen eigenen Weg“ gehen.
Trotzdem stelle ich mir die Frage, warum immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit ein Ziel erreichen wollen, für das man vor allem eines braucht: Z E I T.

Deshalb versuche ich es in diesem Rahmen mit einer etwas umfassenderen Antwort, die zum nochmaligen Nachdenken über das geplante Vorhaben anregen soll und natürlich nur meine eigene Meinung darstellt:

Der Jakobsweg ist ein uralter Pilgerweg, der schon in vorchristlicher Zeit, vermutlich als Initiationsweg, begangen – und im Mittelalter christianisiert wurde.
An vielen „Orten der Kraft“ vorbeiführend, die über Jahrhunderte hinweg von unzähligen Menschen aufgesucht wurden, hat ein so spiritueller Weg seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und erschließt sich deshalb vor allem denjenigen, die als Suchende unterwegs sind. Wenn wir eintauchen in uns selbst, sind wir auch mit Natur und Universum enger als sonst verbunden und sie geben uns entsprechende Zeichen.

Wer also das Besondere dieses Weges sucht, wer eintauchen möchte in seine mehr als tausendjährige Geschichte, wer etwas von den Pilgern spüren oder erahnen will, die vor ihm gegangen sind, wer Hilfe sucht bei der Gestaltung seines Lebens oder der Verarbeitung von Problemen und Leid, braucht neben der Zeit auch die Bereitschaft, sich auf den Weg einzulassen.

Denn wenn Sie nie erlebt haben, wie sich Körper und Seele fühlen,

  • Wenn Sie z.B. nach vielen Kilometern anstrengenden Gehens völlig erschöpft sind und sich die totale Anspannung und Müdigkeit plötzlich in Nichts auflösen. Oder
  • Wenn Sie durstig durch ein Dorf gehen und ihnen eine völlig fremde Person ein Glas Wasser zur Erfrischung herausreicht oder zu sich ins Haus einlädt (das funktioniert in allen Sprachen).
  • Wenn Sie schon fürchteten, im Freien schlafen zu müssen und im letzten Moment noch ein Bett in der Herberge frei wird.
  • Wenn unvermittelt etwas, was Sie sich sehnlichst wünschten, auf dem Weg auftaucht.
  • Wenn Sie nach langem Laufen eine Kapelle am Wegrand entdecken und Sie beim Eintreten in die kühle Stille ein warmes Gefühl der Geborgenheit umfängt. Wenn Sie den dunklen Ton der alten Mauern in sich aufnehmen, während Sie in einer Bank sitzen und über Ihr Leben nachdenken, vielleicht auch endlich über etwas lange Verdrängtes weinen können.
  • Wenn Sie zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen treffen und ein erfüllendes Gespräch mit fremden Mitpilgern führen, vielleicht sogar Freundschaften fürs Leben schließen.
  • Wenn Sie Läuterung erleben und stolz darauf sind, weil sie nach längerem Unterwegssein spüren, dass sie toleranter gegenüber anderen geworden sind, und es sogar ertragen, mit 50 Menschen in einem Raum zu schlafen.
  • Wenn Sie spüren, wie sich alte Verkrustungen lösen, Gewohnheiten als falsch erkannt werden und neue Ziele ins Auge gefasst werden können.

Wenn Sie diese und andere Erfahrungen auf dem Pilgerweg aus Zeitmangel nicht machen können, werden Sie nicht so leicht verstehen, warum Pilger so begeistert vom Jakobsweg erzählen, warum viele meinen, der Weg habe ihr Leben verändert und sie werden nie mehr so sein wie vorher.

Wir alle wollen ankommen, den Weg zu einem guten Ende bringen. Dazu will er durchgestanden sein mit all seinen Mühen und Beschwerden, den Blasen, den Auseinandersetzungen mit sich selbst. Wir wollen gut in Santiago ankommen. Und unterwegs die eine oder andere Sinngeschichte erleben.

Der Sinn des Jakobsweges erschließt sich in der Regel nur, wenn man eine längere Strecke und über längere Zeit gepilgert ist - die letzten Kilometer vor Santiago sind dafür nicht genug.
Weil es eben Dinge gibt, die man nicht kaufen kann – so wie ein Flugticket. Wer unterwegs gelernt hat, die kleinen Freuden zu schätzen, die man nur mit Mühe und Schweiß erringen kann, dem erschließt sich der Sinn des Jakobswegs leichter und er teilt die Freude und Begeisterung darüber mit vielen anderen Pilgern.

Bei „Santiago im Schnelldurchgang“ kann der Weg leicht zu einer Enttäuschung werden.

Gönnen Sie sich also die Zeit, die Sie brauchen für dieses großartige „Erlebnis des Lebens“. Mit zehn Tagen Zeit könnten Sie z.B. auf einem Teilstück des Weges „schnupperpilgern“, um festzustellen, ob der Weg Ihren Erwartungen entspricht. Sie können aber auch von der eigenen Haustüre aus beginnen, im nächsten Urlaub weitergehen und irgendwann in Santiago ankommen. Das unbeschreibliche Glücksgefühl der Ankunft wird Sie reichlich dafür belohnen.