Aufbrechen
Im Wort Auf-brechen steckt etwas Gewalttätiges. Wer auf-bricht, muss etwas Vorhandenes zerstören, zerbrechen, muss mit etwas brechen, sich trennen von Vertrautem … sich losreißen und aus Gewohntem und Alltäglichen heraustreten, ausbrechen ... Aus welchen Gründen auch immer, aufbrechen gelingt nur, wenn man bereit ist zu brechen und daher alles aus dem Aufbruch selber, aus dem Neuen und Offenen erwarten muss. Das Leben braucht diese Spiele von Verlieren, Loslassen und finden, um lebendig zu bleiben. Und der Glaube braucht sie auch.
In der Nacht
hatte es stark geregnet, doch an der Bushaltestelle ZUM ließ der Regen nach.
Erste Station war die Kirche in Buchenberg, die dem Patron des Allgäus, dem
heiligen Magnus geweiht ist. Der sog.
Zopf-
oder Louise-Seize-Stil, eine Stilart des aufkommenden Klassizismus, der das
Barock auflöste, gefiel. Auf dem Weg nach Rechtis hingen schwarze Wolken zum
Greifen nah über uns, doch es fiel kein Wasser mehr heraus. Die St.
Ulrichs-Kirche kann auf eine mehr als 770-jährige Tradition stolz sein. Im
Deckenfresko ist die Schlacht auf dem Lechfeld 955 n. Chr. dargestellt. Der
nachdenkliche Text vom „Aufbrechen“ sollte uns auf dem Weg zum Sonneckgrat
begleiten, zuerst auf der Straße, dann steil bergauf. Auf dem normalerweise
herrlichen Aussichtsplatz unter den Birken sind die Namen der Berge auf
einer Tafel verzeichnet, doch die Gipfel verbargen sich leider hinter
dunklen Wolken. So nutzten wir die Tafel als Tisch fürs Käsebüffet: Bester
Allgäuer Käse und Schinken sowie Wurst und Bauernbrot aus Melsungen hatten
gut Platz darauf und sahen zum „Anbeißen“ aus. Alle suchten sich ein
Plätzchen unter den Bäumen und griffen kräftig zu.
Leider
begann es dabei wieder zu regnen, doch im Wald oberhalb des Grates merkte
man nicht mehr so viel davon. Wir stellten uns die Allgäuer Berge einfach in
unserer Phantasie vor, überwanden den höchsten Punkt des Grates mit über
tausend Metern und gelangten zur zweiten Sonneckhütte. Von hier aus führt
der Weg links hinunter nach Weitnau. Schon kurz nach 16 Uhr saßen wir in
gemütlicher Runde um den Kachelofen des Gasthofs Krone, die
„Weißbierfraktion“ stillte ihren Durst mit einem kühlen Bier, während sich
die anderen mit Kaffee und Kuchen stärkten, bevor wir die Zimmer aufsuchten.
Die „Einzelzimmer“ und ein „Doppelzimmer“ waren im Haus Hohenegg
untergebracht. Um 18 Uhr erwartete uns Pfarrer Koppitz in der Kirche St.
Pelagius direkt neben unserem Quartier. In der weiträumigen, farbenfrohen
Kirchenhalle, in Himmelblau und goldenem Rotbraun
gehalten, brachte er uns die Elemente der
Neugotik näher. Diese wunderschöne
neugotische Kirche von 1860 gehört zu den wenigen Kirchenbauten des
Historismus, die unverändert erhalten geblieben sind. Unter den
Apostelbildern im rechten Seitenschiff fanden wir natürlich auch Jakobus den
Älteren. Die schwäbischen Spezialitäten des Abendessens, das wir alle im
Gasthof Krone einnahmen, mundeten und die Gespräche erinnerten uns mehr und
mehr an die Pilgergespräche, die wir in den Herbergen Frankreichs und
Spaniens führen konnten. Die Gruppe war zusammengewachsen.
|